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Die Hirtenhunde sind uralte Rassen, die überall da entstanden,
wo Hirten in weiten Gebieten ohne oder mit wenig Ackerbau lebten.
Dies gilt auch heute noch. Ihre einzige Aufgabe war der Schutz der
Herde, des Hofes und seiner Menschen. Aus diesem Grund ist der deutsche
Name, italienischer Schäferhund, für den Pastore da Maremmano
Abruzzese irreführend. Die Aufgabe der Hirtenhunde ist
es niemals, die Schafe zu treiben. Dies wird von sogenannten „Fachleuten“
immer wieder falsch veröffentlicht.
Überall wo sich die Landschaft veränderte und mehr Ackerbau
betrieben wurde, wo also einerseits Raubtiere seltener wurden und
andererseits das Vieh nicht mehr so einfach überall hinlaufen
und fressen konnte, weil es sonst die Äcker zerstörte,
verschwanden auch die Hirtenhunde. An ihre Stelle traten dann die
Schäferhunde.
Hirtenhunde sind nicht mit den Schäferhunden zu verwechseln,
da sie sich nicht, wie es deren Aufgabe ist, zum Treiben und dirigieren
der Herden eignen.
Umago bei der Arbeit in Laval
Maremmanen sind Hirtenhunde(!), die mit der
Herde leben ohne sie zu treiben. Sie führen ihre Arbeit in
der Regel selbstständig, ohne Befehle und Unterstützung
des Hirten aus.
Im Gegensatz dazu haben die Schäfer- oder Hütehunde
ihre Hauptaufgabe darin, die Herden von den Äckern fern zu
halten und die Herden in den enger gewordenen Landschaften zu treiben.
Der Schäferhund dominiert die Herde von außen, er darf
die Tiere schon einmal zwicken um sich durchzusetzen, ohne sie zu
verletzen. Es kommt beim Schäferhund auf Abrichtfähigkeit
und Kooperationsbereitschaft mit dem Schäfer an. Er ist der
Assistent des Hirten beim Treiben und Hüten und arbeitet in
der Regel nicht ohne Anweisungen seines Herren. Er muss die Herde
in den dichter besiedelten Gebieten nicht so kompromisslos verteidigen
und braucht nicht so wehrhaft sein wie der Hirtenhund. Man
brauchte Schäferhunde als sich die Herdengebiete in Kulturlandschaften
mit Äckern und Wegen entwickelten, die das Vieh von den Feldern
und Straßen fernhielten und sie beim Treiben von einer Weide
zur anderen zusammenhielten.
Die Hirtenhunde dagegen leben innerhalb der Herde,
quasi als „Mitschafe“ auch wenn der Hirte nicht da ist.
Sie treiben nicht, sondern beschützen ihre „Lebensgefährten“.
Daraus ergibt sich die Forderung nach einem selbständigen Hund,
der fast mehr der Herde, als dem Hirten verbunden ist. Er hat die
Aufgabe, kompromisslos jedes Raubtier zu vertreiben, wobei er, vor
allem nachts, ganz auf sich alleine gestellt ist.
Aus den unterschiedliche Arbeitanforderungen ergeben sich die unterschiedlichen
Charaktere der Hirtenhunde und der Hüte/Schäferhunde.
Nur wenn man sich über diese Eigenschaften im klaren
ist, wird man seinen Maremmanen richtig behandeln können.
Wir trafen Hirtenhunde in Südasien, wo wir einige Jahre
lebten, aber auch auf unseren Reisen rund ums Mittelmeer, in der
Türkei und Rußland an. In Indien, Pakistan sind sie ähnlich
wie die Tibetdogge, die auch ein Hirtenhund ist, in der Türkei
gibt es z.B. den Akbasch, im slawischen Raum die Owtscharka, Kuvacs,
usw. in Frankreich / Spanien den Pyrenäenberghund und viele
mehr. In Deutschland hat es diese Rassen aufgrund der Landwirtschafts-
und Besiedlungsstrukturen nicht gegeben.
Der Pastore da Maremmano-Abruzzese ist aus mindestens zwei sehr
ähnlichen Hirtenhundrassen, die wohl eher Regionalschläge
als eigenständige Rassen waren, entstanden. Seit 1950 werden
sie gemeinsam gezüchtet. Sicher gab es diese Hunde auch im
Norden Italiens. Wir meinen, dass sie dort eher als Hofhunde eingesetzt
wurden und leichter waren als die Hunde aus der Maremma und den
Abruzzen. Sie haben, da die Züchter im Norden gut organisiert
waren, auch sehr den heutigen Typ und Standard beeinflusst. In einigen
Schriften wird der Typ aus dem Sumpfland der Maremma als kompakter
und kräftiger beschrieben, die Farbe war nicht so reinweiß
und die Pigmentierung und Augen waren häufig etwas heller.
Der Abruzzese aus dem Abruzzengebirge war angeblich
eher elegant und größer und hatte mehr Fell. Wenn man
die Hirten in den Abruzzen befragt, waren die Hunde dort schon immer
sehr viel größer und wehrhafter, mehr ein Berghundtyp.
Auch heute findet man dort bei den noch arbeitenden Maremmanen Tiere,
die weit über die Standardmaße hinausgehen. Die Hirten
und Kenner dort bezeichnen sie als die „echten Abruzzesen“
und sind von der Vermischung mit leichteren Schlägen nicht
sehr begeistert. Schließlich soll so ein Hund auch einmal
mit mehreren Wölfen oder verwilderten Hunden gleichzeitig fertig
werden. Es gibt unter diesen Hirten Bestrebungen, sich zu organisieren
und den alten Abruzzentyp mit einem Gewicht bis zu 80 kg zu züchten,
da sonst der Typ und auch der Charakter verloren geht. Auch wir
fanden die besten Hunde im Wesen bei den Herden in den Abruzzen:
Sehr große, sehr wehrhafte Hunde, die große Schärfe
zeigten, aber im Umgang mit Menschen sehr gelassen und ausgeglichen
waren. Ein gutes Beispiel ist unser Argante mit immerhin 65 Kilo
Gewicht.
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| "Domenicas" in der Nähe
von Follonica |
Auch eine Zucht schwarzweißer Maremmanen fanden wir in der Nähe
von Perugia, man nennt sie Domenicas. Sie waren, wenn auch ohne Dokumente
seit Generationen rein gezüchtet und von bester Arbeitsqualität.
Sie verlieren teilweise, wenn sie erwachsen sind, die dunklen Flecken.
Angeblich sind sie früher von Dominikanern gezüchtet worden,
andere behaupten, sie hätten Ihren Namen bekommen, weil ihre
Farben den Farben der Mönchskutte glichen. Die gleiche Hirtenfamilie
besaß auch eine Gruppe reinweißer Maremmanen, die sie
niemals mit den anderen verpaarten.
Sicher sind in viele Maremmanen in der Vergangenheit Patus (Pyrenäenberghunde)
eingekreuzt worden, vor allem in Grenzgebieten, in denen mit beiden
Rassen gearbeitet wurden. Vermutlich bestehen deshalb die Züchter
auf reinweißen Hunden ohne Afterkrallen, um den typischen
Charakter und die Reinheit der Hunde sicherzustellen. Wir kennen
auch Aussagen von Hirten, das sich gelegentlich der Wolf ins Zuchtgeschehen
einmischte, schließlich lebten sie ja in der gleichen Umgebung.
In der Tat gibt es in einigen Linien etwas schreckhaftere, scheuere
Tiere, die diesen Einfluss vermuten lassen.
Auch heute noch gibt es in den Abruzzen viele Maremmanen, die alleine
mit den Schafen leben und nur den Besitzer an seine Herde lassen.
Die „Ausbildung“ erfolgt, in dem ein sehr junger Hund
(schon ab 5 Wochen) zur Herde gebracht wird, oder bei seiner Mutter
mit den Schafen aufwächst.
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| Den starken Saugreflex nutzen die Hirten
um ihre Welpen auf Schafe zu prägen. |
Wir haben sogar gesehen, dass Welpen zur Prägung an Schafmütter
angelegt wurden und dort Milch saugten. Der so aufgezogene Hund
fühlt sich zu den Schafen gehörig. Er ist eher unterwürfig
gegen die Schafe, und nimmt sie als seinesgleichen an. Auch die
Schafe sind an diese Hunde gewöhnt und haben keine Angst vor
ihnen. Dies wird von den Hirten auch so gewollt: er soll seine Aggressivität
niemals gegen die Schafe richten.
Als „Fratello in latte“, als Milchbruder der Schafe,
bezeichnet der Hirte diese Hunde.
Eine Aue oder ein Hammel können durchaus aggressiv
sein. Der Hirtenhund hat dies ohne Gegenwehr zu akzeptieren
und darf niemals zurückbeißen! Fremde Menschen soll er
nicht kennenlernen, sie gehören in diesen einsamen Gegenden
zu den Räubern. Dies erklärt den teilweise schlechten
Ruf der Maremmanen: Dem Wanderer, der in den Bergen oder bei einem
einsamen Hof auf eine Schafherde mit Maremmanen trifft, wird er
sicher Angst und Schrecken einjagen. Aber wenn der Wanderer auf
das erste warnende Bellen reagiert und umkehrt, wird ihn der Hund
nicht verfolgen, er bleibt immer bei der Herde. Manchmal wird der
Maremmane in seiner Arbeit auch von Maultieren unterstützt,
die sehr wachsam ihr Umfeld beobachten und durch ihr Verhalten den
Hunden Annäherungen von Räubern ankündigen.
Zu den Eigenschaften, die der Hirtenhund für
seine Aufgabe benötigt, gehört natürlich eine kräftige
Statur, damit er mit dem großen Raubwild fertig wird, eine
gute Anatomie, damit er schnell und wirksam kämpfen kann und
mit der Herde wandern und klettern kann. Hunde, die einen wenig
ausgebildeten Sexual- und Jagdtrieb hatten, waren besser für
Ihre Arbeit geeignet, damit sie bei läufigen Wölfinnen
oder Hündinnen in der Nachbarschaft ihre Pflichten nicht vergaßen.
Unsere Rüden decken keine Hündin, die nicht
zu uns gehört, oder eine Zeit bei ihnen war. Das macht das
Züchten dieser Rasse nicht immer einfach. Es gibt vereinzelte
Maremmanen, die haben überhaupt keine „Lust“. Aus
dem gleichen Grund soll er kein Interesse an der Wilderei haben.
Sicher sind diese Eigenschaften dem Maremmanen nicht mit kynologischer
Theorie angezüchtet worden, aber die Hirten konnten sich keinen
überflüssigen Fresser leisten, der seine Aufgaben nicht
erfüllte, so daß jeder Hund der nicht zur Arbeit taugte,
selektiert wurde. Sie blieben dabei sehr instinktsicher und robust,
leben sie doch seit Jahrhunderten fast unter den gleichen Lebensbedingungen
wie die Wölfe.
Die Hirten haben seit Jahrhunderten die Erfahrung, dass sie bei
Ihren Schafherden regelmäßig neue Tiere einkreuzen mussten
um die Leistung zu erhalten und zu verbessern und Inzucht zu vermeiden.
Sie standen in Kontakt mit anderen Hirten und Viehmärkten.
Durch diese Kontakte bekamen sie gelegentlich neue Hunde aus anderen
Gegenden zur Verbesserung der eigenen Linien. Andererseits ergab
sich durch die häufig isolierte Lage der Weidegebiete oft ein
hoher Inzuchtfaktor, der die Anlagen der Rasse stark festigte. Die
knallharte Auslese wiederum hat dazu geführt, dass die Maremmanen
auch heute noch absolut gesund sind. Sie können bis ins hohe
Alter (14-15 Jahre) bei Wind und Wetter draußen leben und
arbeiten. Und dies bei karger Ernährung: ein bißchen
altes Brot und Molke, denn viel mehr hatten die Menschen nicht über.
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